Pollnow

Sagen und Erzählungen in und um Pollnow


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„Nun, jetzt greif zu“, sprach der Richter zum Teufel. „Nein“, erwiderte dieser, „ich darf nicht, denn es ist ihr nur im Ärger herausgefahren; es ist nicht ihr Ernst.“
Sie gingen weiter; da sahen sie einen Bauern, der ein störrisches Schwein vor sich her trieb, um es auf dem Markte zu verkaufen. Da das Tier an jeder Ecke haltmachte und nicht weitergehen wollte, rief der erboste Mann: „Verfluchtes Tier, hol’ dich der Teufel!“
Als der Richter dies hörte, rief er: „Jetzt, lieber Teufel, greif zu; denn wenn du auch dieses laufen läßt, dann wirst du überhaupt nicht zu deinem Rechte kommen.“ „Nein“, sprach der Teufel, „auch das Schwein steht mir nicht zu. Der Bauer hat es monatelang gemästet und muß von seinem Erlöse Schulden bezahlen. Es war ihm mit seiner Rede nicht Ernst. Ich werde doch noch zu dem Meinigen kommen.“
Unter diesen Gesprächen schritten sie auf den Kuhmarkt zu, wo gerade die Witwe sich eine schöne Kuh erhandelt hatte. Kaum sah sie den Richter, so schrie sie: „O, du barmherziger Gott, der will mir gewiß auch diese Kuh absprechen! O käme doch der Teufel und holte ihn!“ - „Siehst du,“ sagte darauf der Teufel zum Richter, „der ist’s Ernst“, und sofort packte er seinen Begleiter bei den Haaren und flog mit ihm durch die Luft davon.

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58. Wenn man an Gespenster glaubt.

I. Der Musiker und das Gespenst.

Ein Musiker hatte in einem Dorfe zum Tanz gespielt, und es war recht spät geworden und dunkle Nacht, als das Fest zu Ende war und er sich auf den Heimweg nach Pollnow begeben konnte. Beim Abschied neckten die jungen Leute ihn, wollten ihn graulich machen und sagten, er solle sich nur in acht nehmen, daß ihm kein Gespenst begegne. Er prahlte aber mit seinem großen Mut und mit seiner Klugheit; an Gespenster glaube er nicht, es gäbe auch keine; damit könne man nur dumme Leute einschüchtern.
Als er aber in der Dunkelheit auf Varbelow zuging, fielen ihm doch so mancherlei Geschichten ein, die er von den Leuten gehört hatte; sein Mut war gar nicht mehr so groß, und er sah recht oft scheu in die schwarzen Schatten der Sträucher und Bäume, an denen er vorüber kam. Sie waren so finster und so unheimlich; wer konnte wissen, was sich hinter ihnen verbarg.
Nun kam er gerade an einem dunklen Wäldchen vorbei, da - - horch! - Waren das nicht Schritte hinter ihm? Ganz deutlich klang es von rückwärts: Tapp - tapp - tapp - tapp.
Erschrocken drehte er sich um, sah aber nichts, und nun hörte er auch nichts mehr. Was konnte das gewesen sein? Ein Mensch? Oder wirklich ein Gespenst? Er ging schneller; doch nun tappte es wieder ganz vernehmlich hinter ihm. Die Angst drehte ihm das Gesicht in den Nacken; aber wieder war nichts zu sehen. So ging er schneller und immer schneller, und immer waren die tappenden Schritte hinter ihm. Plötzlich fühlte er einen Stoß in die Kniekehle. Vor Schreck stieß er einen Schrei aus und griff hinter sich. O Grauen! Er fühlte etwas Haariges, Feuchtes. Nun verließ ihn die Besinnung völlig; das Grauen kroch ihm über den Rücken und seine Haare sträubten sich. In ihm war nur noch blinde Angst; er lief, was er konnte. Aber das half ihm nichts; hinter ihm tappten hartnäckig die unheimlichen Schritte, und je schneller er lief, umso schneller rannten sie hinter ihm her.
Halb ohnmächtig kam er endlich nach Varbelow und stürzte auf das erste Haus zu, in dem er Licht sah. Dort waren die Leute noch wach; denn der Bauer erwartete neuen Segen im Kuhstall. Ganz erstaunt ließ er den verängstigten Musiker ein, der atemlos an die Tür polterte und aufgeregt immer nur etwas vom Gespenst stammelte. Kopfschüttelnd ging endlich der Bauer hinaus, um selber nachzusehen. Aber mit lautem Lachen kam er wieder in die Stube; denn draußen stand ein - - - Kalb, das von der Weide entlaufen war und nun Gesellschaft gesucht hatte.
So war die ganze schreckliche Gespensterangst umsonst gewesen.

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