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Ein Totentanz entsteht


Totentanz
Die Schilderung der Entstehung meines Reigens erschien in der
Monatsschrift der Europäischen Totentanz-Vereinigung
"Totentanz aktuell" vom September 2003.

Ein Totentanz entsteht (1997 - 2003)

Ob mein erster Besuch in der Lübecker Marienkirche fünfundzwanzig oder dreißig Jahre her ist, kann ich nicht mehr sagen, aber ich weiß, dass ich neugierig war auf den Totentanz. Als Schüler hatte ich darüber gelesen und mir vorgenommen, ihn mir vor Ort anzusehen. Die Bilder faszinierten mich, und der Wunsch entstand, einen eigenen Reigen zu fertigen. Der sollte gestickt sein, denn seit meiner Schulzeit zeichne ich Kreuzstichentwürfe. Lange blieb es bei dem Vorhaben.
Seit 1996 beschäftigte ich wieder mehr mit der Kreuzstickerei, im Jahr darauf wurde der Totentanz für mich zum Thema. Erste Entwürfe für den Tod mit der Sense, dem Stundenglas und der Kutte entstanden, und als erster "Mensch" war der Narr fertig, in dessen Spiegel der Betrachter seine Zukunft sieht. Vor Jahren hatte ich dieses Motiv auf einer Druckgraphik oder Zeichnung entdeckt. Es folgten der Mönch, der König und die Königin. Alle Skizzen konnte ich mit einem Computer-Programm erstellen, das mein als Informatiker tätiger Bruder für mich geschrieben hatte. So war es möglich, die Szenen farbig auf den Bildschirm zu bringen, zu kontrollieren und bei Bedarf zu korrigieren.
Papst, Nonne und Wiege waren inzwischen fertig, ich hatte nun mehr lebende Figuren als Gerippe. Deshalb ging ich auf die Suche, lernte die gesenkte Fackel und den nach unten gerichteten Pfeil als Requisiten des Todes kennen, erinnerte mich an die geknickte Rose auf Grabsteinen und den Sargträger in Totentänzen.Dem Märchen "Gevatter Tod" entnahm ich die Idee, ihn mit dem erloschenen Lebenslicht darzustellen. Die Anregung für den Schleier, den ein

Tod in den Händen hält, kam aus Totentänzen, in denen das Skelett in ein Laken gekleidet ist, und daraus entwickelte sich die Stola auf den Schultern eines anderen.
Eine für mich interessante Erwerbung war "Der tanzende Tod", herausgegeben von Gert Kaiser. Neben den Versen zu den Bildern waren es die dort gezeigten Stände, von denen ich mir Ideen versprach. Vorlagen konnten (und sollten) sie nicht sein. Das scheiterte schon daran, dass beispielsweise die Unterschiede zwischen Domherrn und Abt, Arzt und Apotheker oder Kaufmann und Wucherer nicht im Kreuzstich darzustellen sind. Ich lernte, dass der Tod oft in Bewegung und die Lebenden eher starr gezeigt werden. Meist eröffneten ein Mönch und musizierende Skelette den Reigen. So entstand der Flöte spielende Tod.
Der Kauf eines neuen Programms für Kreuzstichentwürfe erforderte die Übertragung der Vorlagen. Bei dieser Bestandsaufnahme stellte ich die Totentanzfiguren zusammen: Der Tod in der Kutte sollte den Reigen anführen; dass der Mönch folgte, ergab sich aus der schon erwähnten Tradition. Im Weiteren blieb ich bei der überlieferten Reihenfolge von Papst, König, Königin. Um die Nonne nicht direkt neben die Königin zu stellen, entwarf ich den Ritter, der nun zwischen den beiden Frauen steht. Narr und Wiege kamen an den Schluss, immer mit einem Tod als Partner, und das Ende bildete der Sargträger.
Ich brauchte jetzt noch drei lebende Figuren, und nach einigem Probieren und Verwerfen entstanden der Bauer mit der Forke, die Frau mit dem Korb und der Mann mit dem Schirm.

Bei meiner Recherche stieß ich auf die beeindruckende Darstellung einer alten Frau mit ausgestreckten Händen, darum flehend, im Reigen mitgenommen zu werden. Diese Greisin sollte auch in meinem Totentanz erscheinen, und ich stellte sie hinter den Sargträger. Sie ist als einzige von der Seite zu sehen und läuft mit.
Nun hatte ich eine gerade Anzahl von lebenden Figuren, Paare, die sich gegenüber stehen oder ergänzen (Mönch und Papst, König und Königin, Ritter und Nonne, Bauer und Marktfrau, Herr und Narr, Säugling und Greisin) und mit den Todesgestalten den Reigen bilden. Mein erster Versuch, sie miteinander zu verbinden, waren Arkaden; es folgten Säulen, dann Ruinen, zum Schluss probierte ich es mit einer Landschaft. Die richtige Idee hatte ich mit den Ranken, die als Symbol für das Leben stehen, und schnell waren zwei sich umschlingende Pflanzen entstanden, die zu einer unendlichen Kette wurden. Jede Figur war nun von einer eigenen Ranke umgeben, nur der kniende Tod und die Wiege hatten eine gemeinsame. Das war ein Bruch, und ich stellte auch die anderen Paare zusammen. Um den Ornamenten ihre Starre zu nehmen, fügte ich Blätter ein und dann auch Trauben, die auf alten Kreuzstichmustern das Blut Christi symbolisieren.
Nach kleinen Veränderungen in der Reihenfolge - der schwarz gekleidete Mann sollte nicht neben der Nonne im schwarzen Habit stehen, der Tod mit dem Stundenglas nicht neben dem Fackelträger - textete ich für jedes Paar einen Zweizeiler:

Helmut Koglin